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Ums nackte Überleben gekämpft

16. Abrahamsfest:

Text und Fotos: Marler Zeitung/Medienhaus Bauer

KZ-Überlebender Rolf Abrahamsohn erzählte Gesamtschülern seine Lebensgeschichte. Rolf Abrahamsohn ist Schirmherr des 16. Abrahamsfestes und lebt in Marl, er ist Ehrenbürger im Vest Recklinghausen und letzter Überlebender Shoah im Kreis Recklinghausen

 

 

Von Robert Klose

MARL. Seine Lebensgeschichte hat Rolf Abrahamsohn (91) schon so oft erzählt – mit ruhiger, fast leiser Stimme. Trotzdem ist die Wirkung auf seine jungen Zuhörer immer gleich: Staunen, blankes Entsetzen, Betroffenheit. Mehrere Konzentrationslager hat der Marler Jude als einziger seiner Familie überlebt – und spricht darüber, zum Beispiel mit Jugendlichen aus der Martin-Luther-King-Schule. Am Ende applaudieren alle und danken ihm.

 

 

 

Ich werde die Geschichtsbücher jetzt anders lesen“, sagt Leo (17) am Ende des Vortrags. Was der Jugendliche und viele andere aus den 10. und 11. Klassen zu hören bekommen hat, ist für einen Teenager von heute unvorstellbar. Rolf Abrahamsohn kann vor Vorträgen wie diesem nächtelang nicht schlafen, böse Erinnerungen halten ihn wach. Trotzdem macht er weiter: Zu berichten, was Rassismus und Terror im Alltag bedeuten, das sieht er als seine Lebensaufgabe. Sein Leitsatz, den er mehrfach wiederholt: „Wenn nur einer versteht, dass Juden keine schlechteren Menschen sind als andere, dann habe ich viel erreicht.“

An diesem Vormittag erreicht er noch viel mehr. Kein Mucks ist zu hören, gebannt hören die Jugendlichen seine Geschichte. Sie beginnt in einem brennenden Marler Haus, in dem um ein Haar sein Vater verbrannt wäre. Die Geschichte geht weiter in einer Recklinghäuser Baracke („ohne Toiletten und Wasser“), geht weiter mit seiner Verhaftung, führt in einen Zug, in dem Juden nach Riga gebracht wurden. Sie führt zur Erschießung unschuldiger Menschen in einem dortigen Wald und weiter in ein KZ, das erste von vielen, in denen Abrahamsohn um das nackte Überleben kämpfte.

Nur er siegte in diesem Kampf. Ein Bruder starb als Kind an Diphterie, weil kein Arzt einen Juden behandeln wollte. Seine Mutter sah er zum letzten Mal, als er ein Brot für sie über einen Zaun warf. Theresienstadt war seine letzte KZ-Station: „In dem Zug dorthin sind die meisten verhungert. Als wir Überlebenden ankamen, sahen wir so schlimm aus, dass die Gefangenen weggelaufen sind. Später haben uns die Russen befreit.“

Vergeblich versuchte Abrahamsohn, nach Israel auszuwandern, ging nach Recklinghausen. Nach Marl wollte er nicht wieder: Die Erinnerungen waren zu furchtbar.

Wie sich seine Freunde während der NS-Diktatur verhalten hätten, fragt ein Schüler. Die Antwort: „Wir hatten keine. Die Leute haben sich nicht getraut, Guten Tag zu sagen. Nach dem Krieg wollten alle meine Freunde sein.“

Ein Lehrer will wissen, wie der Zeitzeuge über Rechtsextremismus und fremdenfeindliche Gewalt von heute denkt. Antwort: „Es ist grauenhaft, was sich da abspielt. Ich glaube, 50 Prozent der Menschen wollen das Chaos nicht. Ich hoffe, die anderen 50 Prozent haben eines Tages den Mut, zu sagen: Wir machen da nicht mehr mit.“

Der Vortrag ist eine Kooperation mit dem Team des Abrahamsfestes und dem Kulturzentrum „Kunterbuntes Chamäleon“.

Den Kontakt vermittelt hat Hartmut Dreier, Pfarrer im Ruhestand. Er schlägt spontan vor, Abrahamsohn könne im Theater vor noch größerem Schülerpublikum lesen. Wieder applaudieren alle.

 

 

Auf ein Wort

 

Das Grauen erlebt,

Mensch geblieben

 

Die Schüler haben ihre Hausaufgaben gemacht und viel gelernt. Sie wissen, wer Hitler war, was Rassenhass und Antisemitismus bedeuten. Seit gestern wissen sie noch etwas mehr – wie ein Mensch sich fühlt, der in einen Waggon gepfercht steht, in dem neben ihm unschuldige Mithäftlinge verhungern. Sie wissen, dass ein Mensch, der das Grauen erlebt hat, bis heute, 70 Jahre danach, nicht mehr ruhig schlafen kann. Und sie wissen, dass Rolf Abrahamsohn trotzdem Mensch geblieben ist, ein liebenswerter noch dazu.

Wie sehr der KZ-Überlebende seine jungen Zuhörer in seinen Bann zog, ist schwer in Worte zu fassen. Als er ohne jedes Pathos von Schmerzen, Angst und Demütigungen erzählte, stockte manchem Schüler der Atem. Das stand so nicht in den Geschichtsbüchern. Dass ein Mensch sein Leben riskiert, um ein Stück Brot zu stehlen und seiner Mutter den Hungertod zu ersparen – das sprengt die Grenzen des Vorstellbaren.

Es bleibt zu hoffen, dass die Jugendlichen noch lange an diesen Tag denken, vor allem, wenn ultrarechte Verführer ihnen eines Tages einzureden versuchen, Gewalt und Hass seien doch ganz normal. Wenn Bilder von brennenden Flüchtlingsheimen zu sehen sind, werden sie vielleicht an Abrahamsohns Worte denken und laut „Stopp!“ schreien. Hoffentlich erzählt dieser große alte Mann seine Geschichte noch 100 Mal.