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Rolf Abrahamsohn (Marl) erlebte am 8. Mai 1945 "seinen zweiten Geburtstag".

Darüber und über seine Schreckenszeit als Jude in der NS-Diktatur berichtete der 92-Jährige Zeitzeuge am 8. Mai 2017 in Rathaus Marl.Bürgermeister Werner Anrdt hatte SchülerInnen aus Leistungskursen Geschichte der  Weiterführenden Schulen in Marl zu einer Begegnung mit Rolf Abrahamsohn ins Rathaus eingeladen. Beteiligt und eingeladen waren:die Gemeinsame Oberstufe der beiden Gesamtschulen Martin Luther King und Willy Brandt, das ASGSG=Albert Schweitzer-Geschwister Scholl Gymnasium, Gymnasium am Loekamp.

 

Herr Abrahamsohn ist der letzte Überlebende des Holocaust im Kreis Recklinghausen, einer der letzten Holocaust-Überlebenden in NRW. Er ist Ehrenbürger im Kreis Recklinghausen, Ehrenvorsitzender Jüdischen Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen und war Schirmherr vom 16. Abrahamsfest Marl 2016.

 

Facebook: Bürgermeister Werner Arndt.

 

 

Rolf Abrahamsohn und Bürgermeister Werner Arndt

 

Werner hat geschrieben: „Rolf Abrahamsohn spricht mit Schülern Mucksmäuschenstill sitzen die Schülerinnen und Schüler sowie die erwachsenen Gäste in der Ratsstube und hängen an den Lippen des 92-Jährigen. Rolf Abrahamsohn ist Zeitzeuge des Holocausts und war auf Einladung von Bürgermeister Werner Arndt im Marler Rathaus zu Gast. Mit brüchiger Stimme nimmt der letzte Überlebende des Ghettos von Riga (Lettland) in NRW die Jugendlichen mit in die Vergangenheit.

 

Es ist der Tag, an dem sich das Ende des II. Weltkriegs und die Befreiung vom Nationalsozialismus zum 72. Mal jährt. Sein „zweiter Geburtstag“, wie Rolf Abrahamsohn selbst sagt. Denn auch er wurde am 8. Mai 1945 durch die Rote Armee aus dem KZ Theresienstadt befreit. Das war das Ende einer langen Odyssee, die ihn u.a. durch das Rigaer Ghetto, die Konzentrationslager Kaiserwald, Stutthof und Buchenwald, das Bochumer Außenkommando und das KZ Theresienstadt führte. Andächtig hören die Schüler des Gymnasiums im Loekamp, des Albert-Schweitzer-/Geschwister-Scholl-Gymnasiums, der Martin-Luther-King-Schule sowie der Willy-Brandt-Gesamtschule zu und stellen viele Fragen, als der Zeitzeuge von der Geschichte seiner Familie berichtet: Nach der Reichspogromnacht im November 1938, in der das Haus seiner jüdischen Eltern niederbrannte, flüchteten der Vater und der große Bruder nach Brüssel. Die Grenzen wurden geschlossen und der damals 13-jährige Rolf Abrahamsohn, seine Mutter und sein jüngerer Bruder bleiben in Marl zurück. Weil zu der Zeit bereits kein Krankenhaus mehr Juden behandeln wollte, verstirbt sein Bruder kurz darauf an Diphterie. „Heute liegt er auf einem Friedhof in Recklinghausen und ich kann ihn wenigstens besuchen gehen“, so Abrahamsohn. Im Januar 1942 kam er mit seiner Mutter ins Ghetto von Riga, wurde später ins Konzentrationslager Kaiserwald deportiert. „Dort erschossen die Nazis meine Mutter direkt vor meinen Augen. Ich wollte nicht mehr leben“, gesteht Abrahamsohn. Neue Kraft schöpfter er einzig und allein aus der Hoffnung, seinen Vater und seinen älteren Bruder lebend wiederzusehen. Es folgten weitere Deportationen nach Danzig und Buchenwald. Im Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald in Bochum wurden er und seine Mithäftlinge zur Entschärfung von Bomben eingesetzt. Auf einem weiteren Transport nach Dachau bombadierten die Alliierten den Zug und Abrahamsohn gelang die Flucht. Um nicht von SS-Männern erschossen zu werden, kroch er in die Waggons zurück, erwischte allerdings den hinteren Teil des Zuges, der anschließend nach Theresienstadt umgeleitet wurde. In Theresienstadt wurde Rolf Abrahamsohn schließlich von der russischen Armee befreit. Doch die schlimmsten Befürchtungen wurden Wirklichkeit: Sein Vater und sein Bruder wurden bereits im Herbst 1942 im KZ Auschwitz ermordet. „Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich nicht überlebt“, sagt der 92-Jährige heute. Als er nach Marl zurückkehrt, holen ihn die Erinnerungen ein. „Ich habe mich nie wieder wohlgefühlt.“ Von den 178 Juden, die aus dem Kreis Recklinghausen nach Riga deportiert wurden, kehrten nur sieben aus dem Krieg zurück.“